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Dez
2019

Bericht zum Kitahelden-Kongress 17.8.2019 in Ludwigsfelde bei Berlin

Bericht über den Kitahelden-Kongress vom 17. August 2019

Am Freitag, den 16.08.2019 machte ich mich, in meiner Funktion als 2. Vorsitzende der Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen, auf den Weg zum Kitahelden-Kongress nach Ludwigsfelde, nahe der Landeshauptstadt Berlin. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich einige Fragen und noch deutlich mehr Erwartungen im Gepäck hatte…. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Kindertagespflegeperson (KTPP), als auch in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Berufsvereinigung, schaue ich, ebenso wie viele meiner Tagespflege-Kolleg*innen, immer wieder über den Tellerrand hinaus und informiere mich über die Rahmenbedingungen, der Kolleg*innen in den Kitas. JA, ihr lest richtig – KOLLEG*INNEN! Denn wie alle von euch wissen, hakt es auch dort an allen Ecken und Enden. Prinzipiell war mir das auch in den meisten Punkten bekannt. Aber Problempunkte live und detailliert von Betroffenen zu hören und in Workshops gemeinsam zu eruieren, gibt dann doch nochmal etwas andere Einblicke in verschiedene Problempunkte und eröffnet im Austausch neue Lösungsansätze, die in einigen Punkten auch für uns als KTPP gut anwendbar sind! Einigen von euch wird klar sein, warum ich am Kongress der Kitahelden teilgenommen habe und die anderen fragen sich genau in diesem Moment: “Warum zum Teufel fährt die 2. Vorsitzende der Berufsvereinigung der KINDERTAGESPFLEGEPERSONEN (!) zu einem Kongress der KITAHELDEN und berichtet auch noch recht ausführlich darüber? Hat die Frau mit den Belangen der Kindertagespflegepersonen nicht genug zu tun?!“ DOCH HAT SIE1 Aber meine Beweggründe will ich euch an späterer Stelle gerne genauer erklären.

Zum Ablauf:
Bei der Ankunft wurden wir Teilnehmer*innen von Teammitgliedern der Kitahelden begrüßt und bekamen bei der Anmeldung im Foyer einen KitaheldenBeutel mit diversen nützlichen und informativen Utensilien von den Kitahelden und ihren Kooperationspartnern, sowie eine Tasche mit Warenproben von LUPUS, einem der Kooperationspartner der Kitahelden. Danke auch dafür nochmal an dieser Stelle!
Andreas Ebenhöh von den Kitahelden eröffnete die Veranstaltung und berichtete über die Hintergründe und Geschichte der Entstehung der KITAHELDEN (2017) bis jetzt und erklärte deren Ziele und Visionen. In dem Zusammenhang ging es auch um Systembedienung, Schemata, Abläufe, u.v.m.

Auch die KITAHELDEN haben die Probe aufs Exempel gemacht und 25 Freikarten an Bürgermeister, Träger und Trägervertreter, Fachberatungen, Gewerkschaften und Politiker geschickt. Ihr dürft raten, wie die Resonanz war und wie viele dieser Karten in Anspruch genommen wurden…. Richtig – KEINE! Das deckt sich leider mit den Erfahrungen, die Interessenvertreter der Kindertagespflegepersonen auch regelmäßig machen müssen. Da sind wir schon bei einer traurigen Gemeinsamkeit von Kita und KTP – zu wenig Interesse in der Öffentlichkeit und Politik und keine ausreichende Lobby!

Im Anschluss hielt CHRISTINA BECKER einen Vortrag mit dem Thema „Raus aus der Opferrolle!“
Hier ging es darum, wer sind denn bitte die Fachleute, wenn nicht WIR? Auf jede Fachkraft kommen derzeit mindestens 10 freie Stellen, daher sind die Möglichkeiten eigentlich groß. Aber wie sieht die Situation oft aus? Wir werden meist als Dienstleister gesehen, denen der „Kunde“ bestimmt, wie gearbeitet werden soll! Wobei wohl niemand einer MTA erklären würden, wie sie eine Blutentnahme am besten durchzuführen hat, einem Busfahrer welches die beste Fahrroute wäre oder dem Bäcker vorschreiben, den Schlitz auf dem Brötchen ab jetzt einfach mal quer, statt längs anzusetzen. Uns Fachkräften würde oftmals aber am Liebsten, per Rezept vom Arzt verordnet werden, in welche Richtung der Po des Kindes abgewischt werden müsse…
Daher sollten wir uns alle mal aus der Opferrolle begeben und den Eltern sagen: „Liebe Eltern, wir akzeptieren Sie als Experte für Ihr Kind. ABER ab dieser Stelle danken wir Ihnen für Ihr Vertrauen und sagen Ihnen, was das Beste für Ihr Kind ist.“

Im Anschluss erklärte Andreas Ebenhöh im Programmpunkt „Change the system!“, warum es Zeit für neue Spielregeln ist und zeigte Wege auf, diese umzusetzen, damit das System zu Veränderungen „gezwungen“ wird, die für das frühe Bildungssystem dringend nötig und von Eltern und uns allen gewünscht sind. Dies sind u.a.:
Gruppengröße von 15-18 Kinder im Elementarbereich, Krippe dementsprechend auch geringer als es aktuell noch Realität ist, mit I-Kindern in der Gruppe eine sichere Inklusionskraft in Vollzeit und eine nochmals verringerte Gruppengröße.

Personal darf nicht aufgrund von Personalengpässen zweckentfremdet werden.  Eine Leitung erledigt ausschließlich ihre administrative Tätigkeit und befindet sich nicht in der Gruppe, es sei denn, sie MÖCHTE dies! Eine Leitung ist der Coach des Ganzen und braucht hierfür gute Aus- und Fortbildung, Zeit, Mittel, Geduld und Geld.

Vorbereitungszeiten von mindestens 10% der Beschäftigung, aus dem Dienstplan heraus, 1x im Monat ein freier Tag zur individuellen Vorbereitung, Reflexion, etc.

Notfallpläne für ALLE Kitas und die Autorität muss in der Kita liegen, denn das sichert alle Beteiligten im System ab. Gesundheitsprogramme mit speziellen Erzieherstühlen, Lärmschutz, etc.   Bessere Ausbildung unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsentwicklung, denn nicht allein Noten entscheiden über die Qualifikation einer Fachkraft!

Coaches müssen gestellt werden und mehr Geld für Fortbildungen (z.B. Neurobiologie, Bindungstheorie, Bildungstheorie) bereitgestellt werden, denn qualitativ gute Fortbildungen kosten zwar gutes Geld, schaffen aber Qualität.    35-, besser noch 30-Stundenwoche bei vollem Gehalt (s. Beispiel Schweden).  Fachkräfte sind keine Dienstleister, sondern KINDERBESCHÜTZER. Das ist nicht immer bequem, aber gut! In dem Zusammenhang gibt es immer wieder Diskussionen mit Eltern, Trägern, Ärzten – z.B. „Wann ist ein Kind krank?“, etc.

Für die meisten Forderungspunkte in diesem Zusammenhang ist das Fürsorgegesetz und die Fürsorgepflicht der Schlüssel! Auch hier entdecken sicherlich viele von euch, dass sich die Forderungen aus den Reihen der Fachkräfte der Kitas/Krippen sehr mit unseren Forderungen für bessere Rahmenbedingungen in der KTP vergleichen lassen!

Ab 11:00 Uhr hieß es bis 13:15 „FIND YOUR WAY!“
Während dieser Zeit konnte man an den interaktiven Thementischen mit Ausstellern und anderen Teilnehmern in den Austausch gehen oder an Workshops (je ca. 1 UE) teilnehmen.
Angeboten wurde ein Workshop mit CHRISTINA BECKER zum Thema – „SCHLUSS MIT DER UNSICHERHEIT!“
und im Anschluss daran ein weiterer mit ANDREAS EBENHÖH zum Thema – „LÖSEN ANSTATT ZU LEIDEN!“
Beide Workshops waren inspirierend und motivierend.

Fließend zwischen 11:30 und 13:30 konnte sich am Mittagsbuffet bedient werden.

Ab 13:15 hielt JANINE LOHMER einen Kurzvortrag mit dem Titel „BIST DU NOCH AM LEBEN?“ ADREAS EBENHÖH führte danach eine lebhafte Podiumsdiskussion zu verschiedenen Fragen/Themen aus der Teilnehmerrunde.  Nach der Podiumsdiskussion folgte „FIND YOUR WAY 2.0!“
Hier war wieder Gelegenheit, die verschiedenen interaktiven Tische zu erkunden und parallel wurden zwei weitere Workshops angeboten.
Der erste wurde von TANJA KÖSTER geleitet zum Thema –
„ACHTSAMKEIT FÜR KITA LEITUNGEN“

Der 4. Workshop fand direkt danach mit TOBIAS LÖHRKE statt zum Thema –
„JA zum NEIN – ABGRENZUNG UND HALTUNG“
Beide Workshops habe ich besucht und auch hier wieder viele Punkte gefunden, die durchaus auf uns KTPP übertragbar sind. Denn auch wir sind „Leitung“ unserer Kindertagespflegestellen, zugegeben, das sind wesentlich kleinere Betreuungseinrichtungen als in den Kitas/Krippen. Dennoch fallen viele der administrativen Aufgaben einer Kitaleitung auch für uns an, um unseren Betrieb am Laufen zu halten und unsere Betreuungsplätze weiter bereithalten zu können. Niemand weiß es besser als die Kindertagespflegepersonen, dass all diese Arbeiten deutschlandweit fast ausnahmslos unentgeltlich in der eigentlichen Freizeit von den KTPP geleistet werden! Was für mein Empfinden übrigens einfach nur skandalös ist, da diese Arbeiten in der KTP, laut verschiedener Studien und Analysen, gut und gerne ca. 20% der Arbeitszeit ausmachen ☹…! Die Spardose unseres Landes und der Politik – DIE KINDERTAGESPFLEGE. Traurig, aber wahr…. Anschließend folgte im Veranstaltungssaal ein äußerst interessanter Kurzvortrag von GUNDA FREY zum Thema „BILDUNGsEVOLUTION“.
Von diesem Vortrag fand ich folgenden Satz am prägnantesten:

„Kinder entwickeln Störungen, weil wir sie in ihrer Entwicklung stören.“

Ein, wie ich finde, äußerst interessanter Ansatz!

Im Schlussteil der Veranstaltung bedankte sich Andreas Ebenhöh bei seinem „Besten Team der Welt“ und allen Teilnehmer*innen und versprach, dass dies noch lange nicht das Ende sei, sondern erst der Anfang! Anschließend bestand noch etwas Zeit zum Austausch und es war eine FeedbackBox aufgestellt, um ein Feedback zum Kongress abgeben zu können.

An dieser Stelle komme ich zu meiner angekündigten Erklärung, warum ich am Kitahelden-Kongress teilgenommen habe und warum es mir so wichtig ist, euch darüber zu berichten! Viele unserer Forderungspunkte für die Kindertagespflege decken sich mit den Forderungen der Fachkräfte aus den Kitas, wie u.a.:
Kleinere Gruppen/besserer Betreuungsschlüssel, sichergestellte und vergütete Vorbereitungszeit, qualitativ gute Aus- und Fortbildungen, Berücksichtigung der Persönlichkeit und Berufserfahrung – insbesondere bei Einstufung nach Qualifikation bzgl. gestaffelter Vergütung, unterstützte Gesundheitsprogramme und Ressourcenwahrung der KTPP, Anwesenheit von Inklusionsfachkräften während des gesamten Betreuungstages bei I-Kindern in Verbindung mit nochmals reduzierter Gruppengröße, bessere und angemessene Vergütung, fachlich gute Supervisions- und Reflexionsangebote, Notfallpläne = praktikable und funktionierende Vertretungsregelungen unter Berücksichtigung des Kindeswohls und nicht des Geldbeutels der Kommunen…. Ich könnte hier, locker aus der Hüfte, noch um den ein oder anderen Punkt erweitern, aber ich denke, dass nun alle verstehen, warum ich am Kitahelden Kongress teilgenommen habe und an dieser Stelle darüber berichte 😉

Daher möchte ich euch bitten, über den Tellerrand der KTP hinaus zu schauen und euch, wie viele von euch es bereits tun, mit den Fachkräften aus den Einrichtungen solidarisch zu erklären. Wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander! Denn wir wollen alle nahezu das Gleiche – bessere Rahmenbedingungen für unser Betreuungssystem der frühkindlichen Bildung! Denn nur gute Rahmenbedingungen ermöglichen uns allen, unserem Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsauftrag, individuell für jedes Kind, gerecht werden zu können. Dann können wir die Kinder dort abholen, wo sie sich in ihrer Entwicklung befinden und an ihre nächsten Entwicklungsschritte heranführen. Um dies leisten zu können, benötigen wir für uns alle gute Arbeitsbedingungen, damit nicht mehr so viele Kolleg*innen in ihrer Arbeit ausgenutzt und überfordert werden! Etwa 30% der Betreuungskräfte in Kindertagespflege und Kitarutschen ins Burnout. Das darf nicht weiterhin stillschweigend geduldet werden, damit wir alle stets die Kraft haben, die Kinder auf ihrem Weg bei uns begleiten zu können!

An die Kolleg*innen aus den öffentlichen Einrichtungen habe ich auch einen dringenden Aufruf:

An dieser Stelle möchte ich auch ganz deutlich sagen, dass ich mir diese Solidarität auch von den Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen wünsche!  Denn niemand von uns stellt eure jahrelange Ausbildung in Frage und die Kindertagespflegepersonen stehen nicht in Konkurrenz zu euch. Aber viele von uns sind langjährig tätig, haben viele, umfangreiche Fort- und Weiterbildungen absolviert, führen Beobachtungs- und Entwicklungsdokumentationen und anschließend terminierte Entwicklungsgespräche mit den Eltern, führen für die Kinder Portfolio, erstellen pädagogische Konzepte und machen uns viele Gedanken zur pädagogischen Gestaltung der Betreuungsräume und der Außengelände, erstellen HP für unsere Tagespflege-Einrichtungen, und und und…

Beim letzten bundesweiten Streik der Fachkräfte, habe ich beispielsweise die übergangsweise Not-Betreuung von Kindern aus den Kitas abgelehnt, als das Jugendamt mich darum ersuchte. Dies kam für mich schon allein aus Solidaritätsgründen nicht in Frage! Wenn wir im Bildungs- und Betreuungssystem endlich eine Lobby bekommen wollen, müssen wir uns verbünden. Denn viele machen sich stark für bessere Rahmenbedingungen – aber gemeinsam sind wir stärker und werden eher etwas erreichen!

Insgesamt war der Kongress bei den Kitahelden ein interessanter Tag und ich hoffe, dass ich euch einen Einblick in die Veranstaltungsinhalte geben und euch zum gemeinsamen Schulterschluss und zum Zusammenhalt sensibilisieren konnte!  I have a dream….

Ich will, dass sich mein Traumjob wieder nach TRAUMJOB anfühlt!

Eure  Alexandra Bayram

 

P.S.: Abschließend möchte ich euch noch einen kleinen Einblick in die Angebote des Kongresses geben:
Die Location war super ausgesucht. Im Foyer und im davon abgehenden Veranstaltungs-Saal zur Linken und im Nebenraum zur Rechten des Foyers waren verschiedene interaktive Thementische aufgestellt, an denen man, außerhalb der gemeinsamen Themenblöcke, gut in den Austausch mit den Ausstellern der verschiedenen Kooperationspartner, anderen Teilnehmer*innen, sowie mit Teammitgliedern der Kitahelden gehen und viele neue Eindrücke und Anregungen erhalten konnte.

Die interaktiven Thementische waren z.B. ausgestattet mit:

  1. Fachliteratur vom HERDER-Verlag
  2. Ausdrucken verschiedener Kitahelden Beiträgen aus den sozialen Medien wie: „Wann ist ein Kind krank?“
    „Scheiß doch auf die anderen…“
    „Bedman“ etc.
    Die Beiträge der Kitahelden stehen übrigens unter          http://www.andreas-ebenhoeh.de/heldentaten/kitahelden-artikel/ zum Download/Ausdrucken zur Verfügung.
  3. Empfohlene und interessante Fachbücher verschiedener Autoren
  4. Thementisch NÄCHSTER KARRIERESCHRITT – KITALEITUNG mit TANJA KÖSTER (www.tanjakoester.de)
  5. Thementisch WERKSTATT DER GUTEN GEDANKEN mit Sandra Warsewicz (warsewicz@web.de)
  6. Thementisch mit TOBIAS LÖHRKE zum Thema
  7. JANINE LOHMER – COACHING & BERATUNG IM ELEMENTAREN BILDUNGSBEREICH (www.janinelohmer-coaching.de)
  8. Thementisch mit CHIRISTINA BECKER zum Thema (schlussmitderunsicherheit.de)
  9. Thementisch ENTWICKLUNGSEVOLUTION mit Jutta Frey (freymut.de)
  10. Foto-Aktionsecke mit dem „etwas anderen Kitafotografen“
  11. Shop mit Kitahelden Artikeln (T-Shirts, Aufkleber, Plakate, u.v.m.)
  12. Ausstellungen von Kooperationspartnern, der Kitahelden wie z.B.
    Community Playthings (www.communityplaythings.de),
    den Kitarechtlern aus Berlin/Halle/Hamburg (www.kitarechtler.de),
    dem Kita-Fachverlag (www.kiga-fachverlag.de),
    Wolkenschleim von www.ruedigergerhardt.com,
    NADINE VOIGT mit EINTAUSEND UND EINE IDEE (www.eintausendundeineidee.de),
    MARTE MEO – ZEIT FÜR ENTWICKLUNG (www.zeit-fuer-entwicklung.de)
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